Leo Kestenberg

Leo Kestenbergs musikpolitisches Wirken in der Weimarer Republik stellt, aufs Ganze gesehen, eine Sternstunde in den oft schwierigen Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Kunst dar.

Als Pianist, der in die Politik wechselte, gelang es Kestenberg, musikalische Bildung als politisch-sozialen Auftrag visionär zu formulieren und überdies in konkreten Reformvorhaben realpolitisch zu verankern. Dabei wahrte er - praktisch wie theoretisch - stets die Balance zwischen Elite- und Breitenkultur, zwischen professionellen Ansprüchen an Leistungsvermögen und Qualität und einem im weitesten Sinne ‚volkspädagogischen‘ Ansatz, der auf die Zugänglichkeit von Bildungsangeboten für alle gesellschaftlichen Schichten gerichtet war. Durch die Kestenberg-Reform wurden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf dem gesamten Gebiet der Schulmusik und der Privatmusikerziehung Strukturen geschaffen, die in Deutschland bis heute nachwirken.

Verknüpft mit dem zentralen Wunsch, „das Volk in seiner Gesamtheit zu produktiver Anteilnahme an der Musikentwicklung heranzuführen", entwickelte Kestenberg ein umfassendes Konzept der Musikerziehung, das vom Kindergarten bis zu Musikgymnasium, Musikhochschule und Universität alle Bereiche umfaßte. - Tatsächlich war es Kestenberg, der den modernen Typus der Musikschule allererst begründete.

Kestenbergs Einfluß auf das Berliner Musikleben trug viel zum oft beschworenen Glanz dieser Jahre bei: Mit einer mutigen Berufungspolitik band er Persönlichkeiten wie Schreker, Pfitzner, Busoni, Schönberg, Hindemith, Erich Kleiber, Klemperer und viele andere an Berlin. Mit mit dem berühmten, aber auch umstrittenen Projekt der Krolloper versuchte er, die ästhetische Moderne mit der Idee einer ‚Volksoper‘ in Übereinstimmung zu bringen.

Kestenbergs Lebensschicksal, seine intellektuelle Biographie und sein Wirken können Anstöße geben, die gerade heute nötig und in hohem Maße aktuell sind.

1882 im damals ungarischen, heute slowakischen Rosenberg (Roszahegy, Ruzomberok) geboren, wuchs der Sohn eines jüdischen Kantors in Prag und Reichenberg/Böhmen auf. In Berlin lernte er Ferruccio Busoni kennen, dessen Schüler er wurde, und kam in die Einflusssphäre Liszts. Seit der Jahrhundertwende lebte Kestenberg als Pianist, Klavierlehrer verschiedener Konservatorien, Musikorganisator und Redakteur überwiegend in Berlin. 1918 avancierte er zum Musikreferenten im preußischen Kultusministerium. Dieses wichtige Amt nutzte er zielstrebig für seine weitreichenden Reformbemühungen. Mit Kestenbergs Entlassung durch die rechtsautoritäre Reichsregierung, die im Jahre 1932 die Absetzung der letzten freien preußischen Regierung erreichte, fand sein musikpolitisches Engagement in Deutschland ein abruptes Ende. Von den Nationalsozialisten verleumdet und tätlich angegriffen, ging er 1933 nach Prag, wo er sich besonders der internationalen Vernetzung von Aktivitäten auf dem Gebiet der Musikerziehung widmete. 1938 siedelte Kestenberg nach Palästina über; dort war er als Generalmanager des Palestine Symphony Orchestra tätig und wirkte am Aufbau des Musikwesens in Israel mit. Er starb 1962 in Tel Aviv.

Heute, fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ein Jahr nach dem Beitritt der mittelosteuropäischen Staaten zur Europäischen Union liegt die Aktualität Kestenbergs als eines Wegbereiters eines demokratisch fundierten, universalen Konzepts musikalischer Bildung auf der Hand.