Grundprinzipien

Kestenbergs Musikpädagogische Grundprinzipien

Sozialismus und Musik bedeuteten für Kestenberg stets eine unlösbare, wenngleich nicht widerspruchslose Einheit. In seiner Autobiographie Bewegte Zeiten resümiert er:„So wichtig mir auch alle künstlerisch-ästhetischen Interessen waren, so waren mir alle weltanschaulich-sozialistischen Ideale gleichermaßen ans Herz gewachsen." Als Musikpädagoge war Kestenberg erfüllt von den aufkommenden reformpädagogischen Ideen seiner Zeit. Von Anfang an stellte er das „Allgemein-Musikalische, das Menschlich-Lebensvolle über Virtuosentum und Einseitigkeit". Es sollten nicht „Wunderkinder" gezüchtet werden, „sondern Musiker", „nicht Begabungen spezialisiert, sondern Talente auf dem freien Boden musikalischer Kultur entwickelt werden"(ebd., S.47). Bis zu seinem Lebensende strebte er danach "in der Musik ein Mittel zu finden, welches den Menschen in seinem ganzen Wesen so unmittelbar beeinflussen kann, daß er zu einer höheren Einsicht seiner selbst gelangt." (ebd., S. 48) Es war - nicht zuletzt - Kestenberg, der den geflügelten Satz von der Erziehung zur Menschlichkeit mit und durch Musik prägte, wenngleich er selbst diesen am Ende seines Lebens in Zweifel zog. (z.B. in Die Klavierstunde. Ein Lehrgedicht, MAN000 74, S.3)

Musikerziehung und Musikpflege

Kestenberg betrachtet die Musikerziehung nicht unabhängig von der Pflege des Musiklebens.  - In seiner programmatischen Schrift Musikerziehung und Musikpflege (1921), die er als frisch gebackener Musikreferent verfaßte,  stellt er beides in engem gedanklichem Zusammenhang dar. Die hier formulierten Zielsetzungen begann er, Schritt für Schritt umzusetzen. Das von ihm bis zu seiner Zwangsbeurlaubung 1931 aufgestellte Musikerziehungsystem ging als sogen. Kestenberg-Reform in die Geschichte ein. Sie wirkt in wesentlichen Zügen bis heute fort. (vgl. Wilfried Gruhn, Geschichte der Musikerziehung.)

Kestenbergs Entwurf der Musikerziehung war ganzheitlich ausgerichtet, sozialistisch orientiert und von den reformpädagogischen Ansätzen der Jugendbewegung inspiriert. Er umfaßte das gesamte Spektrum der Musikpädagogik, von Volksmusikschule und Kindergarten bis zu den Hochschulen, einschließlich der Lehrerbildung. Sein Entwurf der Musikpflege umfaßte sowohl die volkstümliche Musikpflege als auch die professionellen Institutionen des Musiklebens Oper, Chor und Orchester. Das dahinter stehende Konzept basierte zum einen auf Kestenbergs sozialistischen Überzeugungen: alle Menschen sollten unabhängig von ihrer Herkunft an der Musik(ausübung) teilhaben können. Andererseits war es geprägt durch die Musikästhetik Ferruccio Busonis. Er war davon überzeugt, daß nur die kreative Aneignung musikalischer Werke , d.h. durch deren Neuerschaffen, sei es im Moment des Musizierens oder im Moment des geistig-emotionalen Nachvollziehens (etwa des Zuhörens) eine lebendige Musikerfahrung ermöglichen und zur Verwirklichung seiner musik-sozialistischen Ideale führen könne: einer „Erziehung zur Menschlichkeit" - oder, wie er es in seinem letzten Lebensjahrzehnt formulierte: einer „Menschenbildung" - „mit und durch Musik".

Musikpädagogik vom Menschen aus

„Als leitender Grundsatz gilt: nicht zu einem Mechanisieren, sondern zu einer Lebendigmachung der Ausbildung zu gelangen, denn nicht die Fertigkeit allein, sondern nur die geistig beherrschte Übung führt zur Entwicklung der Anlagen."  Leo Kestenberg (Musikerziehung und Musikpflege, S.61)

Kestenberg entwarf seine Musikpädagogik vom Menschen aus. Das setzte ihn in die Lage, unvoreingenommen zu schauen und für jedes Alter und jede Ausbildungsrichtung eigene Schwerpunkte zu setzen. Er hielt nichts vom mechanischen Drill oder vom bloßen Eintrainieren irgendwelcher Fertigkeiten. Die Grundidee des Unterrichts sollte vielmehr „in der Stärkung des allgemeinen musikalischen Empfindens und Ausdrucks (...)" liegen. (ebd., S.19)

Gleichzeitig betonte Kestenberg das geistige Erfassen des musikalischen Werkes. Darunter verstand er nicht nur das rein theoretische, begriffliche Erfassen, sondern auch die „geistig beherrschte Übung". Der Schüler sollte selber musizieren und im Musizieren die Musik erleben. Zentrale Aspekte in Kestenbergs Musikpädagogik waren daher auch das schöpferische Musizieren bzw. die Improvisation, das Erleben z.B. des gemeinsamen Musizierens oder der Verbindung von Musik und Bewegung, etwa in der Rhythmik.

Neue Anforderungen an den Lehrer

Es ist kein Widerspruch, daß Kestenberg, der sich für die Teilhabe von Laien an der Musik einsetzte, die Professionalisierung des Musiklehrerberufes vorantrieb wie kein anderer. Er schaffte das Lehrfach „Gesang" ab und führte an seiner Stelle das Fach "Musik" ein. Statt des Gesangslehrers alter Schule wurden nun staatlich geprüfte Musiklehrer und Musikstudienräte ausgebildet und mit den Lehrern anderer Fächer gleichgestellt. Ausserdem wurden in den neu eingerichteten Ausbildungsstätten für Musiklehrer erstmals staatliche Prüfungen für Privatmusiklehrer abgenommen und schließlich wurde auch die musikalische Ausbildung von Kindergärtnern reformiert. Auf diesem neu errichteten Fundament aber sollte schließlich die Freiheit des Lehrenden an erster Stelle stehen:

"Jeder erfahrene Lehrer kann für sich das Recht der eigenen Unterrichtsart beanspruchen, wenn er nur von dem Gedanken erfüllt ist, daß er nicht fertige Systeme übermitteln, sondern Anregungen und frische, bleibende Eindrücke für das Leben zu geben hat. (...) Erfolge stellen sich nur ein, wenn die Freiheit des Lehrenden gewährleistet ist."  Leo Kestenberg (Musikerziehung und Musikpflege, S.20)

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